Sie starrte zur Decke. Der gelbe Farbton der auf den Mauern lag war verwischt. Außer dem lauten Atem ihrer Schwester hörte sie nichts. Der Raum lag leer. Emilia horchte auf. Das knarren der alten Wände weckte sie mal wieder aus ihren Träumen. Sie blickte über ihre Schulter auf das alte Bett in dem ihre Schwester lag. So gerne würde sie abends mit ihr reden. Ihr Witze erzählen und darüber lachen. Wie früher würde sie gerne zu ihrer Schwester ins Bett krabbeln, sich an sie kuscheln und mit ihr reden, doch seit dem plötzlichem Tod ihres Vaters war Caren stumm. Sie liebte ihren Vater, mehr als die Mutter. Er war auch ein guter Vater. Er liebte seine Kinder und hätte sie nie geschlagen. Oft hatte er sie in Schutz genommen, wenn es mal wieder Streit mit der Mutter gegeben hatte. Ihr Vater, Marc Hampton, war erst 36 Jahre alt gewesen, er arbeitete in einer alten Fabrik.
‚ Emilia’ eine sanfte Stimme nahm sie wieder in die Realität zurück, ‚du musst jetzt schlafen. Es ist schon spät.’ Emilias Mutter drückte ihrer Tochter einen sanften Kuss auf die Stirn und verließ das Zimmer. Emilia blickte noch einmal zu ihrer großen Schwester und flüchtete dann wieder in ihre Träume.
Ein lauter Knall ließ sie aus ihren Träumen reißen. Sie schlich aus dem alten Zimmer, in die Küche. Caren saß gebeugt über einem Buch und schlürfte an ihrem Kaffee. ‚Du lernst? Wirst du zur Schule gehen?’ Emilia setzte sich neben ihre große Schwester und warf einen Blick in das benutzte Buch. Sie blickte Emilia angestrengt an, und Emilia als wüsste sie was ihre Schwester damit gemeint habe antwortete verschlafen: ‚Sie ist weg. Ich werde nicht zur Schule gehen. Ich hasse die Schule, ich hasse sie. Sie macht alles kaputt.’ Caren blickte verwundert zu ihrer großen Schwester, atmete einmal tief durch und blickte dann wieder zu dem aufgeschlagenen Buch. ‚Ihr ist es doch egal ob Paps tot ist. Wahrscheinlich ist sie sogar noch froh.’ Da hatte Emilia zu viel gesagt, sie handelte sich eine saftige Ohrfeige ein. Caren räumte ihr Buch in eine alte Tasche und verließ dann das Haus.
Seit ihr Vater gestorben ist, lebt Emilia mit ihrer Schwester Caren und ihrer Mutter in einer alten ‚Bruchbude’. Ihre Mutter arbeitet den ganzen Tag und ist so kaum zuhause. Deshalb merkt sie auch nie dass Emilia die Schule schwänzt.
‚Emilia, Caren kommt bitte mal her, ich muss euch etwas sagen’ Ihre Mutter hatte verweinte Augen. ‚Aber Mama was ist denn los?’ Caren wusch ihrer Mutter eine Träne mit der Hand weg. ‚Euer Vater…’ sie brach ab. ‚Was ist mit ihm?’ Caren schaute erwartungsvoll in das verweinte Gesicht ihrer Mutter. ‚Er ist… ER IST TOD’ Ihre Mutter fiel unter Tränen in die Knie. ‚Caren was ist denn los’ Emilia schaute in das ebenfalls verweinte Gesicht ihrer großen Schwester. ‚Paps geht es gut, er ist nun bei Gott.’ Doch Caren antwortete ihr nicht. ‚Emilia, du musst nun stark sein. Dein Vater ist tot... und Caren ist stumm.’ Ihre Mutter legte ihr einen Arm auf die Schulter, doch Emilia riss den Arm wieder herunter und schrie sie an: ‚Nein, NEIN du hast doch keine Ahnung. Paps ist nicht tot. Er ist bei Gott, bei Gott hat er’s gut. Und Caren, sie… sie ist nicht stumm. Sie redet doch, hör sie doch. Caren beweiß es ihr. Sie hat doch keine Ahnung, sie ist doch dumm.’ Wütend blickte Emilia ihre Schwester an. ‚Sag es ihr, du weißt doch das es stimmt.’ Caren schüttelte den Kopf. ‚Nein, sie hat dir was falsches eingeredet, sie lügt, sie lügt immer. Weißt du es nicht. Den Weihnachtsmann gibt es auch. Doch sie lügt, sie LÜGT.’
Ein lauter Knall ließ das schweißgebadete Kind aus seiner Vergangenheit reißen. ‚Caren? Bist du das?’ Emilia stand auf und huschte in den kalten Flur. ‚Hallo Emilia.’ Ein großer schwarzhaariger Mann stand vor Emilia und grinste herzlos. ‚Was wollen sie hier. Meine Schwester ist nicht verrückt. Sie muss nicht in eine Therapie. Verschwinden sie hier.’ Emilia trat dem Mann gegen das Schienbein. ‚Sei vernünftig. Deiner Schwester geht es da gut.’ - ‚Nein, meine Mutter hat es ihnen verboten.’ - ‚Nein Kind schau her. Das ist die Unterschrift deiner Mutter das sie erlaubt deine Schwester mitzuholen.’ Er hielt ihr einen Zettel vor die Nase und tatsächlicher unter dem Geschreibe stand die Unterschrift der Mutter. ‚Na, wo ist deine Schwester.’ Emilia schaute wütend, schwieg jedoch. Der Mann nahm sie fest in den Arm und drohte der zappelnden Emilia. ;Ich werde dich noch zum Sprechen bekommen.’
Langsam öffnete sie wieder die Augen. Der Mann war weg. ‚Nein, niemand, niemand wird sie kriegen.’ Emilia hob den Kopf. Sie hatte ihn hergebracht, sie hält sie für verrückt. Die Wut auf ihre Mutter wuchs immer mehr. Sie wurde leicht mit einer Fußspitze angestoßen.’ Caren. Sie will dich, sie will dich in die Klapse bringen.’ Emilia wurde ruckartig nach hinten gestoßen. ‚wie kannst du das nur tun, wie kannst du ihr nur beistehen.’ Unter Tränen schrie sie Caren an, die sich einfach umdrehte und den Raum verließ.
‚Schau mich an mein Kind. Es wird alles gut.’ Emilias Mutter streichelte ihr sanft über den Kopf. ‚Nein, dieser Mann er will sie. Sie ist nicht krank.’ Emilia stampfte einmal feste mit dem Fuß auf. ‚Es ist alles besser so, glaub mir. Der Mann will Caren nur helfen.’ – ‚NEIN! Du lügst, du lügst immer. Du hast Caren nicht verdient. Ich wünschte du wärst an Paps Stelle tot.’ Emilia riss die Tischdecke vom Tisch, so dass das ganze Geschirr zu Boden fiel. ‚Caren ist krank. Versteh das doch du dummes Kind.’ Wütend starrte die Mutter auf ihre Tochter hinab. ‚Nein, du machst sie krank. Du, nur du. Sie braucht dich nicht. Niemand braucht dich. Du bist eine Lügnerin. Verschwinde.’ Ihre Mutter sackte zusammen. Tränen rollten über ihre Wangen. ‚wie kannst du nur. WIE? Ich liebe euch doch. Dich und Caren.’
Emilia stand auf und lief den langen Flur entlang. Sie ließ ihren Blick nach draußen schweifen. Die Straße war leer. Wie meistens. Nur ab und zu fuhr ein Auto vorbei. Caren saß wieder einmal über ihr Buch gebeugt in der Küche. Emilia rief öfters ihren Namen doch sie blickte noch nicht mal auf. Sie tapste in die Küche und blickte in den Kühlschrank. ‚Eier, Jogurt, Milch, … ähm irgend so was Komisches. Caren, Rührei?’ Sie blickte kurz zu ihrer Schwester, die nur leicht nickte. ‚Emilia, Caren. Seid ihr hier?’ Emilias Mutter trat in die Küche und lächelte leicht. ‚Ich hab eine gute Nachricht. Ich wurde befördert und bald können wir aus diesem Drecksloch hier raus.’ Caren zeigte wenigstens etwas Begeisterung, währenddessen Emilia darauf nur erwiderte: ‚Schön für dich.’. ‚Na wie war die Schule?’ fragte ihre Mutter, die nun voller Begeisterung war. Emilia trete sich weg und verließ die Küche. ‚Sie war nicht, stimmts?’ Caren nickte ihrer Mutter kurz zu und widmete sich dann wieder ihrem Buch. ‚Ich muss mal mit ihr darüber reden, so geht es nicht weiter.’ Sie verließ die Küche und trottete durch den alten Flur zu Emilias Zimmer ‚Emilia, so geht das nicht weiter. Du kannst nicht immer die Schule schwänzen.’ ‚Doch, siehste doch.’
‚so geht es nicht weiter. Dieses Kind ist einfach unmöglich. Wieso ist sie nur so fies? Und so stur, so stur wie einst ihr Vater war.’ Emilias Mutter senkte den Kopf. Caren sah ihre Mutter mitleidig an. Sie konnte deutlich Tränen auf ihren Wangen erkennen. Ja, sie hatte Recht. Emilia war wirklich ein stures Kind und hatte keinen Respekt vor andern. Sie gab ihrer Mutter immer noch die Schuld an dem Tod ihres Vaters. Caren wusste, das Emilia wusste dass die Mutter nicht dran Schuld war, aber vielleicht tröstete sie sich dadurch. Der plötzliche Tod von Marc Hampton war lange ein großes Gesprächsthema gewesen. ‚Caren, wieso, wieso musst du mir das Leben auch noch so schwer machen.’ Ihre Mutter blickte in das erschrockene Gesicht ihrer älteren Tochter. ‚Sie kann nichts dafür.’ Emilia hatte die Küche betreten und blickte wütend zu ihrer Mutter. ‚Du alleine bist Schuld. Du hetzt ihr diesen Mann auf die Pelle. DU!’ Wütend bohrte sie ihren Zeh unter den alten Teppich. Caren die bis jetzt das Gespräch ruhig verfolgt hatte, klappte ihr Buch zu und verließ mit schnellen Schritten die Küche. ‚Emilia, es ist besser so. Der ‚Mann will ihr nur helfen. Versteh das doch endlich! Und sei nicht so stur wie dein Vater.’ – ‚Wie… wie kannst du es wagen in meiner Gegenwart über Paps zu reden. WIE kannst du nur.’ Emilia kochte vor Wut. ‚Ich habe beschlossen das Caren in diese Therapie geht. Und damit basta. Und ich lasse mich nicht mehr abhalten. Ich kann nichts mit einem stummen Nichtsnutz anfangen. Was denken denn die Leute?!?!?’ Emilia griff nach einem Teller und warf ihn in die Richtung ihrer Mutter. Der Teller schürfte an ihrer Stirn ab und hinterließ eine lange Schnittwunde. ‚Wie kannst du es nur wagen. Wie kannst du Caren nur als Nichtsnutz bezeichnen. WIE?’ Emilia schrie vor Wut auf ihre Mutter herab, die zusammengekullert auf dem Boden lag. Mit einem Ruck wurde Emilia von hinten festgehalten. ‚Was soll das? Lass mich runter…’