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Dieses Thema hat 185 Antworten
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 RPG~Profi
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Neyl Offline

Admin


Beiträge: 36.222

06.07.2016 21:42
#16 RE: ~NewYork~ Zitat · antworten







Während Aedan in ein Gespräch mit den beiden Studenten vertieft war, hielt ich mich ganz aus dieser Konversation heraus. Es war bisher noch nie vorgekommen, dass ich eine ganze Stunde schweigend und in Gedanken versunken verbracht hatte, doch heute tat ich genau das. Zunächst hatte ich einfach weiter in meinen Notizen gekritzelt und jeglichen Augenkontakt vermieden, doch allmählich bekam ich auch das Gefühl, dass unser Dozent es mir gleich tat. Doch anstatt Erleichterung zu spüren, beunruhigte mich sein Verhalten nur zusätzlich. Natürlich konnte es auch reiner Zufall sein, immerhin war ich ja nicht Mittelpunkt seines Lebens, doch befürchtete ich, dass er den gestrigen "Zusammenstoß" falsch aufgefasst haben könnte. Augenblicklich meldete sich mein Magen, indem er sich zusammenzog und mir damit verdeutlichte, dass -auch wenn es nicht beabsichtigt gewesen war- ich seit diesem Moment doch nicht mehr so unschuldige Gedanken hegte, wie behauptet. Unruhig rutschte ich auf dem Stuhl hin und her, als ich an den gestrigen Traum zurückdachte. Es war definitiv nicht normal sich seinen Dozenten nackt vorzustellen! Oder doch? Fantasien waren schließlich nicht verboten. Solange es dabei blieb. Und das würde es! Schnell versuchte ich meine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken und dem Unterricht zu folgen, doch allzu schnell ertappte ich mich wieder dabei, wie ich gedanklich wieder zum vorherigen Thema zurückschweifte. Es war nun mal untypisch. Zumindest für mich. Interesse an anderen Kerlen? Fehlanzeige! Ich war noch nie der Typ Mädchen gewesen, die einen Kerl erblickten und augenblicklich ins Schwärmen geriet. Und ich hatte auch keine Lust auf eine zweite Pubertät...Während die Minuten verstrichen, begannen sich meine Gefühle langsam in eine andere Richtung zu bewegen und es dauerte eine Zeit lang, bis ich erkannte, dass es mir nicht gefiel von ihm ignoriert zu werden. Und das er das tat, erkannte ich spätestens, als er uns entließ und ohne Blickkontakt zu suchen, uns den Rücken zuwendete. Mir den Rücken zuwendete. Doch ehe sich die Ärgernis vertiefen konnte, seufzte ich innerlich auf und konnte es ihm nicht verübeln. Immerhin tat ich doch genau das Gleiche. Und es war albern. Schlicht und einfach albern. Wenn ich mich ganz normal verhielt, würde auch alles wieder normal werden. Also verstaute ich alle Materialien wieder in der Tasche erhob mich und ging noch etwas zögerlich auf ihn zu. Cool bleiben, Sutton! Wenn ich ihn vollends ignorieren würde, gäbe ich ihm damit nur eine Bestätigung, dass seine vermeintlichen Vermutungen stimmten. Freundlicher Umgang, mit der nötigen Distanz...und alles würde sich wieder normalisieren. Lässig gegen das Pult gelehnt, atmete ich also noch einmal tief ein, ehe ich meine Stimme erhob. "Muss ich mir Sorgen machen, dass die Kakteen im Keller eingehen, oder hast du Gnade walten lassen?", fragte ich also lächelnd und konzentrierte mich darauf meinen Blick nicht aufmerksam musternd über ihn gleiten zu lassen. Leichter gesagt, als getan. Die Erinnerung des vergangenen Tages huschten in meinen Kopf und es war, als könnte ich abermals seine Hände an meiner Taille spüren. Reiß dich zusammen, Sutton! Vielleicht wäre es klug ein schulisches Thema anzuschlagen..."Der Text war übrigens sehr...inspirierend.", fügte ich noch immer lächelnd hinzu und krallte mich leicht mit den Fingern ins Holz, um meine Unruhe zu verbergen. "Meine Abschlussarbeit nimmt zumindest in meinem Kopf Formen an.", erklärte ich amüsiert und erzählte ihm kurz, welche Ideen mir vorschwebten. Nicht, dass ich mich wirklich intensiv am gestrigen Abend damit hätte beschäftigen können, jedoch hatte ich einiges an Vorarbeit geleistet, weshalb diese kleine Schwindelei durchaus glaubwürdig klang. "Wenn ich mit der Ausführung beginne, wäre es toll, wenn ich hin und wieder von deinem Fachwissen profitieren könnte.", schloss ich und sah abwartend zu ihm auf.


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Katashyna Offline

Pingupups


Beiträge: 27

06.07.2016 22:26
#17 RE: ~NewYork~ Zitat · antworten

» oυтғιт: «


»Es…Das…sollte keinesfalls eine Beleidigung sein. Du bist nur…ich hatte nicht erwartet…ähm…« Mir fehlten die Worte und ich fühlte mich so unsagbar dämlich dabei vor Dee keinen einzigen geraden Satz mehr heraus zu bekommen. Ihr Lächeln…ich hatte es so sehr vermisst. Ich hatte so sehr vermisst mit ihr zu sprechen. Mir ihr, dem einzigen Menschen mit dem ich wohl jemals wirklich über alles gesprochen hatte. Und jetzt saß sie da, vor mir, komplett verändert und doch genau gleich wie damals vor zig Jahren.
Noch bevor ich irgendwas auf ihre Aussage erwidern konnte – als ich endlich wieder das Gefühl hatte in vollen Sätzen sprechen zu können – erhob sie sich von ihrem Platz mir gegenüber und sagte mir ich solle kurz warten. Überrascht sah ich ihr hinterher, während sie zu der Barista ging. Ich verstand nicht was sie zu der Dame gesagt hatte, doch die schien darüber ganz und gar nicht erfreut zu sein, was mir ihr Blick und auch ihre restliche Gestik verrieten. Als Dee kurz darauf wieder auf mich zukam und sich erneut setzte, dabei auch noch verkündete, dass sie nun Schluss hatte, wusste ich nicht so ganz was ich dazu sagen sollte. Ich wollte nicht, dass sie sich wegen mir mit ihrem Arbeitgeber anlegt und riskiert raus geworfen zu werden. Jedoch beschlich mich auch das leise Gefühl, dass sie diese Tatsache nicht im Geringsten störte und sie wahrscheinlich auch ähnliche Dinge macht, wenn ich nicht frage ob sie Zeit hat. Augenblicklich fühlte ich mich wieder schlecht, da ich dieses Bild von ihr vor Augen hatte. Sie war schon immer etwas…anders gewesen. Doch das hatte mich komischer Weise bei ihr nie gestört. Immerhin ist sie immer für mich da gewesen, auf ihre eigene Art. Und ich war ihr noch immer unglaublich dankbar dafür.
Doch jetzt wusste ich nicht so recht, ob ich ihr einfach auf ihre Fragen antworten sollte, oder ob ich sie eher fragen sollte, ob es nicht besser wäre, sie würde weiter arbeiten, da ich ja immerhin auf sie warten könnte. Deshalb blickte ich noch kurz zwischen ihr und ihrer Kollegen hin und her, bevor ich zögerlich sagte: »Ja…ungefähr zwei Jahre. Ich studiere gerade im vierten Semester an der NYU.« Sie war mit der ganzen Situation wahrscheinlich noch ähnlich überfordert, wie ich. Auch wenn Dee solche Sachen schon immer besser weg stecken konnte, als ich.
Kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, rief die Dame auch schon wieder nach Dee. Sie hörte sich ziemlich sauer an und ich konnte sie auch irgendwie verstehen. Die Art der gebürtigen Britin ist nicht immer leicht. »Also wenn du noch arbeiten musst, kann ich auch warten…«, versuchte ich ihr zu erklären, doch sie war da anscheinend ganz anderer Ansicht und forderte mich auf meine Sachen zusammen zu packen. Keine Ahnung warum ich auf sie hörte ohne lange darüber nachzudenken. Irgendwie brauchte das Mädchen nie viel zu tun um mich zu irgendeinem Blödsinn zu überreden. Hätte ich in diesem Moment rational denken können, wäre ich sicher zu dem Entschluss gekommen, dass dies eine dumme Idee war und Dee sich nur wieder vor ihrer Verantwortung drückt. Doch gerade war es mir unmöglich auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Dafür war ich einfach zu überwältigt von der Tatsache in einem New Yorker Café meine Kindheitsfreundin gefunden zu haben.
Wie es nun mal schon immer ihre Art war, hat sie mich ohne Hemmungen an der Hand genommen und einfach aus dem Café geschliffen. Ich hatte nicht einmal meinen Tee bezahlt. Auch wenn sie sagte, dass sie das übernehmen würde, war ich eigentlich dagegen. Seit wann lässt ein Mann die Frau bezahlen. Ich fühlte mich deswegen schon wieder schrecklich schlecht. Doch nach ihren nächsten Worten brachte sie mich wieder zum Lächeln. »Vergiss den Pullover.«, meinte ich nur und schlang meine Arme um sie. Es ist schon ewig her, dass ich sie umarmt habe und fast hätte ich vergessen wie es sich anfühlt sie in meiner Nähe zu haben. Gerade kam alles von damals wieder hoch. All die Bilder von früher hatte ich nun wieder vor Augen. Die Trauer als sie damals einfach mit ihrer Familie fort gegangen ist und die Freude sie jetzt wieder zu sehen. »Ich hab dich vermisst, Dee.«, flüsterte ich ihr zu und achtete darauf sie nicht aus Versehen zu zerquetschen.

JaneDoe Offline

Dicke, untervögelte Teilzeit-Brockhaus-Chiller-Robbe


Beiträge: 128

10.07.2016 22:50
#18 RE: ~NewYork~ Zitat · antworten



Es brachte mich herzlich zum Lachen, als Kit über die Enthüllung einer versteckten Beleidigung ins Stottern kam. „Ist okay, Kit.“, grinste ich und wischte mich ein Tränchen vom Lachen aus dem Augenwinkel. Ich musste ganz dringend aufpassen, dass es bei der einen Träne blieb, ich glaube, wenn ich einfach so, mitten im Café, hier auf diesem Stuhl jetzt den Kopf in den Nacken legen und losheulen würde, hätte ich Kit verschreckt. Er war zwar ein Gentleman der feinsten Sorte und hatte wahrscheinlich alle Lehrwerke zu britischer Etikette auswendig gelernt, aber mit Frauen und bestimmten geschlechtsspezifischen Handlungsweisen war er immer ein wenig unbeholfen. Schon früher hatte ich ihm ab und an verklickern wollen, wann ein Mädchen an ihm Interesse zeigte, hatte es zugegeben aber auch nur halbherzig versucht. Schließlich hatte ich schon immer das Gefühl gehabt, dass seine Eltern es lieber gesehen hätten, wenn er den Kontakt zu mir einschränkte, und ein anderes Mädchen wäre da eine vorzügliche Möglichkeit gewesen. Und das wollte ich nicht. Also, nicht, dass ich mich irgendwie zwischen ihn und sein Glück stellen wollte, ich wollte lediglich, dass unsere Freundschaft bestehen blieb. Vor allem, weil meine Hormone auszubrechen begann und ich uns irgendwie als Bonnie&Clyde sah, zwei Freunde gegen die Welt, Romeo und Julia, wo alle Familienbande gegen unsere freundschaftliche Beziehung waren. Natürlich war alles nur halb so dramatisch gewesen, aber Melodramatik konnte ich damals gut.
Und okay, ja verdammt, eifersüchtig war ich auch gewesen. Ich blinzelte, seine Bemerkung hatte mich aus meinen Gedanken gerissen, in die ich kurz versunken war. Er studierte an der NYU? Ich öffnete den Mund, um zu fragen, was genau, entschied mich aber dafür, dass in ein paar Minuten zu machen – wenn wir hier heraus waren.
Es war zwar wahr, dass ich wusste, dass ich Kit zu einer Menge Unsinn anstiften konnte (schon immer), aber es war nicht so, dass ich das ausnutzte. Dafür war er mir viel zu lieb. Im Moment allerdings kam mir das recht, denn… die Dingens da hinter der Bar war wirklich sauer. Was okay war. Das würde sich schon geben, und ich würde jetzt garantiert nicht ganz brav zur Arbeit zurückkehren, wenn Kit hier saß. Er sagte zwar, er könnte später wiederkommen, aber was wenn er es sich anders überlegte, noch bevor wir noch einmal miteinander gesprochen hatten? Meine äußere Erscheinung unterstrich sehr deutlich, was ich für eine Person geworden war. Ich konnte von Glück reden, meine Haare heute morgen gewaschen zu haben, sodass sie nicht elends nach dem Club gestern stanken.
Während meine Bemerkung über seinen hellen Pullover und mein dunkles Make-Up einerseits ernst gemeint war, war es andererseits eine Frage gewesen. Darf ich dich drücken? Mal ganz zu schweigen von der Warnung, dass ich weinen würde, ganz sicher. Wie gesagt, Melodramatik konnte ich.
Gleichzeitig erleichtert und erstaunt war ich, als er sowas sagte wie „Scheiß auf das Ding“, nur in höflichstem britischen Englisch, und mich in seine Arme zog. Ich schmiss mich ihm förmlich entgegen und schlang die Arme um seine Taille, vergrub das Gesicht an seiner Brust. Er war größer geworden, und ein bisschen muskulöser, jedenfalls machte es durch den Pulli diesen Eindruck auf sie. Und irgendwie waren seine Körperwärme und sein Geruch letztendlich die beiden Faktoren, die bei mir den Hebel umlegten, dass ich Kit wieder hatte. Dass er versuchte, mich nicht zu zerdrücken, war eine unsinnige Überlegung. So zerbrechlich war ich nicht, und ich drückte ihn so fest an mich, wie es nur ging, die Hänge an seinem Rücken in den Pullover gekrallt.
Und prompt fing ich an zu quäken, wie damals, als meine Mutter mir eröffnet hatte, dass wir nach Amerika gehen würden. Nur nicht ganz so hysterisch. Hoffte ich jedenfalls. Das einzige, was ich vor der Heulattacke noch herausbrachte, war ein „Ich dich auch!“ Dennoch, das erste Mal seit einer langen Zeit, dass ich weinte, weil mich etwas emotional berührte, und nicht, weil ich zu lange in die Sonne guckte oder mich besoffen mit jemandem anlegte, der mir letztendlich eine verpasste. „Nur damit du Bescheid weißt“, würgte ich also irgendwo zwischen ein paar Schluchzern hervor, „jetzt wirst du mich nie wieder los.“
Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich soweit beruhigt hatte, dass ich mich, wenn auch widerwillig (ich hätte hier so noch Stunden stehen können), von ihm löste. Mit den Ärmeln fuhr ich mir über die Augen, um die Tränen zu trocknen, und zupfte eine Serviette aus dem Café aus meinem BH, in die ich mich schnäuzte. Ich hatte ziemlich schnell gelernt, dass man ein Taschentuch oder eine Serviette immer gut gebrauchen konnte, also hatte ich immer welche im BH. Meine Brust ließ da ja eh genügend Platz drin, dementsprechend war das eher meine Handtasche als ihr „Büstenhalter“. „Und jetzt erzähl.“, meinte ich mit einem letzten Schniefen und sah mich um. „Wo wohnst du? Was studierst du? Lässt du mich deine Bude sehen?“ Christopher Ward senior ließ seinen Jungen ganz sicher nicht in einem kleinen, ranzigen Zimmer im Studentenwohnheim wohnen. Oder so. „Wieso überhaupt New York? Was ist alles passiert, nachdem ich an den Haaren ins Flugzeug gezogen werden musste?“ Was übrigens keine Übertreibung war. Nur so am Rande. „Und machst du Sport?“ Grinsend tippte sie mit den Fingerspitzen an seinen Bauch. „Bist ja richtig stattlich geworden.“, neckte sie ihn, nachdem sie ihn eine Zeit nach seinem Wachstumsschub ab und an „Lauch“ genannt hatte, um ihn zu necken.



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JaneDoe Offline

Dicke, untervögelte Teilzeit-Brockhaus-Chiller-Robbe


Beiträge: 128

11.07.2016 00:13
#19 RE: ~NewYork~ Zitat · antworten



Ich war eigentlich recht zuversichtlich, den gestrigen Zusammenstoß nicht „falsch aufgefasst“ zu haben. Immerhin war gar nichts passiert. Worüber ich mir allerdings sicher war, war, dass ich ein verdammtes Arschloch war. Man musste sich einfach mal vor Augen führen, dass ich nicht in der Lage war, einer Studentin von mir zu helfen und sie vor dem Fallen zu bewahren, ohne sie viel zu sehr, viel zu lange zu berühren, und dann auch noch so von dieser Berührung und dem Rest ihres Körpers eingenommen worden zu sein, dass es mich bis in meine Träume verfolgte. Wieso war Sutton auch nicht einfach eine…. weniger attraktive Frau? Und nicht eine, deren lange Beine sich ganz sicher ausgezeichnet dazu eigneten, sie um meine Hüfte zu schlingen? Wieso war sie nicht einfach wie Jennie oder Jessie oder Jackie oder wie auch immer die dralle, laute Blondine mit den manikürten Krallen? Von ihr hätte ich ganz sicher nicht mal geträumt, wenn sie auf mir gelegen hätte.
Apropos auf mir liegen… instinktiv schüttelte ich den Kopf, doch das vertrieb leider nicht so einfach die Bilder, die sich in meinen Gedanken festgesetzt hatten wie ein paar New Age – Grundstücksbesetzern. Es spielte keine Rolle, ob das, was man geräumt hatte, wirklich geschehen war. Was eine Rolle spielte, war, dass das Gehirn einem vorgaukelte, es gesehen zu haben. Das Gehirn machte es irgendwo wahr, was es sich zusammenfantasiert hatte. Was natürlich erklärt hatte, weshalb ich, noch bevor ich die Augen geöffnet hatte heute Morgen, neben mir nach einer gewissen rothaarigen STUDENTIN VON MIR zu tasten.
Und tatsächlich frustriert zu sein, weil sie nicht da war, weil ich nur geträumt hatte.

Deshalb war ich eigentlich ganz froh, in eine lebhafte Konversation und Diskussion eingebunden zu sein, die meine ganze Aufmerksamkeit erforderte. Es hatte weniger damit zu tun, dass ich Sutton ignorieren wollte, Himmelherrgott, nein, sondern nur, dass ich froh war, dass endlich mal alle frustrierenden weil unerreichbaren Bilder aus meinem Kopf getilgt wurden. Hätte ich gewusst, was das bei Sutton für Gefühle auslöste, wäre ich wohl irgendwo hin- und hergerissen zwischen grimmiger Zufriedenheit und Verwirrung.
Vermutungen, die stimmen könnten, hatte ich in Bezug auf Sutton gar nicht. Wie gesagt, ich war lediglich damit beschäftigt, meine überaus blühende Fantasie im Zaum zu halten. Erstaunlich, was ein Griff an die Taille ausrichten konnte. Aber sie war dort so schmal, vom Körperbau ganz anders als Em – rabiat spülte ich meine Kaffeetasse aus und konnte von Glück sprechen, dass ich nicht zusammenzuckte, als ich mich umdrehte und Sutton sah, die mich ansprach. Ganz automatisch wanderten meine Mundwinkel in die Höhe. „Nein, ich bin ein ziemliches Weichei. Sie stehen im Fensterbrett und sonnen sich. Ich verwöhne sie zu sehr, werden ätzende Blagen, wenn sie dann in die Pubertät kommen.“, scherzte ich, damit kämpfend, den Blick nicht wieder über ihren Körper wandern zu lassen, als wäre ich ein mit dem Schwanz denkender Idiot. (Wobei es im Moment unklar war, ob das nicht vielleicht zutraf. Auch wenn ich mein Gewissen versucht hatte zu beruhigen, indem ich unauffällig in das Studentenverzeichnis sah und mich vergewisserte, dass sie volljährig war. Was die ganze Sache kein Stück besser machte, immerhin waren 5 Jahre ja eigentlich absolut vertretbar...) Irgendwie schien das allerdings zur Folge zu haben, dass wir uns in die Augen starrten, was wieder irgendwie eine merkwürdige Atmosphäre schaffte, weshalb ich kurz zur Seite sah und den Batzen an Papieren und den Laptop in meine Tasche schob, bevor ich mir die über die Schulter hängte – allerdings keine Anstalten machte, den Raum zu verlassen. Ich schmunzelte und hob eine Braue, als sie den Text als „inspirierend“ bezeichnete – ungewöhnliche Wortwahl, hätte ich jetzt nicht gewählt, aber wer wusste schon, was in diesen Köpfen vorging, in denen, die hier an der Juilliard herumliefen und solches Zeug wie Schauspiel studierten. Ihre Schilderung ihrer Ideen für die Abschlussarbeiten fesselte mich allerdings, und ich hörte ihr stirnrunzelnd zu, während ich nachdachte. Ich lehnte mich an den Tisch, während ich Zettel und Stift hervorzog und mir ein paar Notizen machte. „Gib' mir ein bisschen Zeit“, murmelte ich mit der Stiftkappe im Mundwinkel, bevor ich Stift und Kalender wegsteckte. „Ich muss ein paar Handbücher lesen, dann kann ich dir vielleicht bei der Eingrenzung an ein paar Stellen helfen.“, sprach ich weiter, und lachte leise, als sie mein Fachwissen ansprach. „Natürlich. Meine Kontaktdaten habt ihr ja. Meld' dich einfach, wenn du was brauchst, und wir sehen, wie ich dir helfen kann.“ Was ein ziemlicher Service war in Anbetracht der Tatsache, dass ich selber an meiner Promotion saß. Aber ich hatte mir damals bei meiner ersten Abschlussarbeit damals sehr gewünscht, dass mir jemand ein bisschen bei ein paar Sachen geholfen hätte, und man war arg auf sich allein gestellt, weshalb ich mir dachte, dass ich das wohl noch unterkriegen würde. Zumal ich sehr gut im Zeitplan lag. Ich sagte von mir selbst zwar immer, dass ich Stress hatte und so viel zu tun, allerdings arbeitete ich sehr viel und vor allem seit der Trennung machte ich nichts anderes mehr. Ich war weiter als andere, die mit mir gemeinsam angefangen hatten.
Dementsprechend würde ich ganz sicher nicht jemandem meine Hilfe verweigern. Vor allem nicht Sutton.
Was auch immer der letzte Gedanke für mich bedeutete.



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Neyl Offline

Admin


Beiträge: 36.222

12.07.2016 00:06
#20 RE: ~NewYork~ Zitat · antworten







Das funktionierte doch ganz gut. Oder besser, als erwartet. Sagen wir einfach, dass ich oberflächlich einen recht entspannten Eindruck machte...ja...
Und auch Aedan verhielt sich ganz normal. Sah man über den kurzen Moment hinweg, an dem sich unsere Blicke getroffen hatten, doch konnte dies auch nur wieder Einbildung gewesen sein. Meine Fantasie schien immer noch ein wenig mit mir durchzugehen. Allerdings hatte sich etwas verändert. Ich konnte nicht sagen, was es war, doch spürte ich es deutlich. Ich nahm ihn anders wahr. Lächelte unwillkürlich, als er konzentriert in sein Notizheft schrieb, dabei die Verschlusskappe zwischen den Lippen hielt und mein Blick daran haften blieb. Irritiert schüttelte ich mich kaum merklich und richtete den Blick etwas höher. Auch keine bessere Idee! Gebannt betrachtete ich ihn, wie sein Blick von Zeile zu Zeile huschte und lächelte schnell, als er den Kopf wieder hob, ehe ich ablenkend meine Haare auflockerte. Es war nett von ihm, mir helfen zu wollen, doch gleichzeitig flüsterte eine Stimme in mir, dass dies wohl keine gute Idee sein würde. Diese wurde jedoch von Sekunde zu Sekunde schwächer, als mein Dozent mir dieses umwerfende Lächeln entgegenbrachte. Sogar meine aufgesetzte Coolness begann leicht zu bröckeln. Das Schlimmste war, dass ich zum ersten Mal so empfand. Auch wenn ich es noch nicht ganz beschreiben konnte. Aber diese Anziehung sollte ich definitiv nicht ihm gegenüber empfinden!
Menschen, die ein Gewissen besaßen, hatten den Vorteil, dass es einen oft vor Dummheiten bewahrte, doch in diesem Moment verfluchte ich es kurzweilig. Es trübte das, was da gerade in mir passierte und so sehr ich diese Gefühle auch nicht hegen wollte, so prickelnd und aufregend fühlten sich diese zurzeit an. Ich konnte mir noch so gut zureden, doch eins stand fest. Ich fand Aedan heiß. Und zwar verdammt heiß. Besser konnte ich es gerade nicht ausdrücken. Und so fassungslos und bestürzt ich auch darüber war, konnte ich es nicht leugnen. Wie von selbst hatte ich die kurze Entfernung zwischen uns überwunden und sah zu ihm auf. "Das ist wirklich nett von dir.", erwiderte ich und spürte, wie ich immer mehr in eine Art Trance verfiel. Ohne es zu beabsichtigen, beugte ich mich hoch zu ihm, sah ihm in die Augen und kam gerade noch rechtzeitig wieder zur Besinnung. Ich änderte meinen Kurs und hauchte ihm einen viel zu sanften Kuss auf die Wange, ehe ich mich schnell wieder zurückzog. War ich denn von allen guten Geistern verlassen? Ich war mit Robbie zusammen! Und er war mein Dozent! Und er konnte gewaltigen Ärger für so etwas bekommen! Und das wollte ich nicht! Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass ich mich jemals so verwirrt gefühlt hatte. Mich selbst so verflucht hatte für meine Dummheit (und da behauptete man glatt, ich wäre clever, nope!). Unsicher, ob ich mich entschuldigen sollte, oder einfach darüber hinwegquatschen, lächelte ich verhalten, ehe ein "Danke" über meine Lippen kam. Super Sutton! Echt ganz klasse gemacht! Noch idiotischer hättest du dich kaum benehmen können! Jetzt wollte ich einfach nur noch von hier flüchten, mich im Bett vergraben und nie wieder rauskommen.


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JaneDoe Offline

Dicke, untervögelte Teilzeit-Brockhaus-Chiller-Robbe


Beiträge: 128

12.07.2016 20:18
#21 RE: ~NewYork~ Zitat · antworten


Vielleicht war es keine gute Idee gewesen, im Raum zu bleiben. Dieses Gespräch hätten wir im Gehen auf dem Flur führen können. Da wären wir nicht allein gewesen. Und allein war aktuell keine gute Idee, bei meinem fast verwirrten Zustand und dem Hormonstau, der scheinbar ziemlich mächtig war. Ich hatte mich vorher nie als so hormongesteuert empfunden, dass meine komplette Vernunft über Bord ging.
Ich versuchte den Fakt, dass sich meine Körpertemperatur seit heute Morgen irgendwie permanent um anderthalb Grad gesteigert hatte, zu ignorieren, und sah meine Studentin an, quatschte blödsinnig über meine Kakteen. Währenddessen sah ich sie an, versuchte, sie nicht in Gedanken auszuziehen. Ich wusste absolut nicht, was mit mir los war. Und damit meinte ich nicht, dass ich nicht wusste, dass ich schamlos auf meine Studentin abfuhr und sie am liebsten einfach über den Tisch legen würde, sondern damit meinte ich eigentlich, dass ich absolut kein Typ für One-Night-Stands war, und schon gar nicht mit meinen Schützlingen – und genau das waren sie. Schützlinge. Und ich verstand außerdem nicht, weshalb Sutton so ohne weiteres meine Professionalität unterwandern konnte. Und ich verstand nicht, seit wann ich so körperlich fixiert war. So. Damit das mal geklärt war.
In meinem Kopf rasten gerade Gedanken umher, die sich stritten, mich aufwühlten, mein Gewissen wieder beruhigten – na das übliche eben, wenn man mit sich selbst stritt. Zwischen „Bist du bescheuert?“ und „Es sind fünf läppische Jahre. Ihr seid beide erwachsen.“, „Du verlierst deinen Job.“ und „Es wird nie jemand erfahren.“ war alles dabei. Bisher stritten die Stimmen nur lautstark miteinander, aber als sie etwas sagte und näher kam, prügelten sie scheinbar mit Vorschlaghammern aufeinander. Und wie das eben so war, wenn man mit einem Vorschlaghammer verprügelt wurde: zum Reden kam man da nicht. Dementsprechend herrschte plötzlich gähnende Leere, Totenstille.
Peinlicherweise hatte ich nicht einmal registriert, was genau sie sagte, weil ich zu beschäftigt war, ihr auf die Lippen zu starren, die sich bewegten, und die plötzlich näher kamen. Und der einzige Gedanke war FUCK., was irgendwie keine ordentliche Reaktion hervorrief, weil es sowohl ein Fluch als auch ein Wunsch war, und dementsprechend stand ich lediglich da, die Kehle staubtrocken, und kam ihr sogar ein Stück entgegen – da änderte sie den Kurs und drückte ihre Lippen auf meine Wangen.
Irgendwie war ich eine Mischung aus verwirrt, alarmiert, und, äh, spitz. (Gott, wenigstens sich selbst gegenüber musste man ehrlich sein.) Ich stellte fest, dass ich meine rechte Hand gehoben hatte – um sie irgendwo an der Hüfte oder am Rücken zu mir zu ziehen, scheiße Aedan, reiß dich zusammen! – und versuchte das als fließende Bewegung zu tarnen und tätschelte ihren Unterarm. „Schon okay.“, sagte ich, auch wenn sich meine Stimmbänder eher anfühlten wie zwei Reibeisen, die gegeneinander kratzten. „Gerne doch.“, sagte ich, und war stolz, nicht sowas wie „Für dich doch immer.“ gesagt zu haben. Ich musste dringend an meiner Beherrschung arbeiten. Vor allem nach dieser Aktion und dem Gefühl ihrer Lippen auf meiner Haut.
Mist.
Mist.
MistMistMist!



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Neyl Offline

Admin


Beiträge: 36.222

12.07.2016 23:48
#22 RE: ~NewYork~ Zitat · antworten







Kennt ihr das? Man tut etwas und könnte sich im nächsten Moment dafür selbst ohrfeigen? Genau jetzt war einer dieser Momente. Hatte ich mir noch Minuten zuvor gut zugeredet, dass sich alles wieder normalisieren würde, konnte ich jetzt in Aedans Gesicht erkennen, dass dem nicht so war. Wie könnte es auch! Ich war auf dem besten Weg gewesen, eine riesen Dummheit zu tun. Und meine "Verharmlosung" war im Endeffekt nur minimal besser...Ein Wangenkuss war ein No-go. Natürlich nicht so schwerwiegend, wie das, was ich wirklich im Inbegriff war zu tun, dennoch...
Ich konnte Aedan hingegen nur bewundern. Er wirkte sichtlich verwirrt, blieb dennoch nett und freundlich. Das hatte ich zurzeit wirklich nicht verdient, aber ich war unendlich dankbar darüber, dass er entweder total blind war, oder sich selbst versuchte durch das Überspielen in Sicherheit zu bringen. Immerhin stand für ihn einiges mehr auf dem Spiel, als für eine Studentin. Es gab einige solcher weiblichen Mitmenschen, welche die Position des Opfers ausnutzen. Denn genauso würde es für jeden Außenstehenden aussehen. Ein Doktorand, der sich an seinen Studentinnen vergriff, Gegenleistung gegen Gegenleistung forderte. Gott, ich hoffte er dachte nicht so von mir...
"Tut mir Leid, das war unangebracht", lächelte ich ihn entschuldigend an und schüttelte leicht den Kopf. Ein Fettnäpfchen, wiedereinmal, doch diesmal steckte eindeutig mehr dahinter, als mein "Talent" taktlos zu sein. Ich wusste das und er vermutlich auch. Die Peinlichkeit dieser Situation konnte kaum schlimmer sein. Gut, konnte schon. Wenigstens hatte er mich nicht zurückgestoßen, mich zur Schnecke gemacht oder ähnliches. Das war zurzeit jedoch nur ein kleiner Trost. Abermals wollte ich mich entschuldigen, hielt mich jedoch zurück. Die Stimmung zwischen uns war schon verlegen genug und irgendwie wollte ich versuchen das doch alles noch einmal gerade zu biegen. "Allerdings sollte man sich bei seinem Retter wenigstens damit bedanken können.", schmunzelte ich also leicht und brachte mein ganzes schauspielerisches Talent auf, um entspannt und amüsiert zu wirken. "Davon gibt es aber nur einen.", zwinkerte ich ihm zu und schulterte meine Tasche. Und obwohl ich nichts lieber wollte, als dieser Szene zu entfliehen, zwang ich mich noch eine Weile an Ort und Stelle zu verharren und wühlte aus meiner Tasche Notizblatt und Stift hervor. "Hier ist meine Nummer.", sagte ich und hielt sie Aedan entgegen. Augenblicklich nahm er mich wieder für sich ein, als ich ihn erstmals wieder vollends wahrnahm, seinen Geruch einatmete, der mir in der Nase lag und an seine kurze Berührung dachte. Jetzt wo ich so darüber nachdachte, verstand ich nicht so genau, was er mir damit sagen wollte. Vermutlich war er doch kurz davor gewesen, mich ein paar Meter zurückzubefördern.
Schnell wies ich diesen Gedanken in eine hintere Ecke. Eine Ecke, die allmählich ganz schön voll wurde, weil ich alle paar Minuten weitere dorthin schob. "Wegen des Stücks.", setzte ich nun erklärend hinzu und hob leicht eine meiner Augenbrauen. Vielleicht sollte ich daran arbeiten, mich klarer auszudrücken, dann musste ich solche Sätze nicht hinterher schieben, was mir einen weiteren peinlichen Moment erspart hätte. Andererseits gab es wohl gerade dringendere Angelegenheiten. Etwas, dass ich zuvor nie bedenken musste. Den Fetisch in Gestalt meines Doktoranden dringend ablegen!


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JaneDoe Offline

Dicke, untervögelte Teilzeit-Brockhaus-Chiller-Robbe


Beiträge: 128

13.07.2016 00:47
#23 RE: ~NewYork~ Zitat · antworten


Klar kenne ich das. Passierte mir ständig. Angefangen bei dem Punkt, als ich meiner Verlobten sagte, sie solle die Wohnung verlassen, und wenn sie wiederkäme, wäre ich ausgezogen. Weiter geht es jedes Mal, wenn ich wieder vor ihrer Wohnungstür stehe und mir einen kleinen Karton voller Blödsinn abhole, statt dass sie mir die wichtigen Sachen gibt, und ich mich jedes Mal beschwatzen lasse, dass ich den Rest später abhole, weil sie „gerade keine Zeit hat“. Und vor allem, wenn ich mich fast hätte dazu hinreißen lassen, dass ich sie an mich zog und küsste.
Und das, obwohl ich überhaupt nicht wusste, ob ich da nicht den Bruchteil einer Sekunde etwas missverstanden hatte. Einerseits war ich der Überzeugung, zu wissen, wie das Interesse einer Frau aussah. Und eigentlich… genau so. Sie sah mich ungewöhnlich intensiv an, und in dem Moment war ich davon überzeugt, dass der Kuss auf die Wange ein Rettungsmanöver war. (Glück gehabt, Aedan. Wirklich.)
Andererseits aber war Sutton meine Studientin, Gott im Himmel, ich kam mir vor wie eine Schallplatte. Ich war ihr Dozent. Man fand seine Dozenten nie gutaussehend. Oder gar sexy. Man ging nicht mit seinen Dozenten ins Bett. Er war ein Stück älter als sie, und was sollte jemand wie sie von jemandem wie ihm wollen? Moment, hatte sie nicht außerdem diesen Typen? Diese Fernbeziehung?
Scheiße, Aedan, dein Ernst?
Ja, halt stopp, dann war ich jetzt offiziell verwirrt. Und wenn ich das nicht vorher schon wegen meiner eigenen Irrungen und Wirrungen gewesen war, dann jetzt auch wegen Suttons. Wieso hatte sich mein verdammtes Hirn nicht eher eingeschaltet? Und mit eher meine ich einen kompletten Tag eher, als ich sie aufgefangen hatte und seitdem alles vollkommen den Bach herunter ging? Es war, als hätte man einen Schalter umgelegt. Irgendwie so.
Was mich zusätzlich irrtierte, war, dass Sutton dafür erstaunlich entspannt wirkte. Ein bisschen nervös vielleicht, aber dafür, dass in meinem Kopf scheinbar mehr als einer Amok lief, wirkte sie, als hätte sie sich vollkommen im Griff.
Ja, davon sollte ich mir vielleicht eine Scheibe abschneiden. Oder lernen, zu schauspielern, Em hatte mir schon immer gesagt, dass sie in mir lesen konnte, wie in einem offenen Buch.
Halt, Moment, schauspielern? Klar, Sutton war Schauspielerin. Oder jedenfalls eine in der Ausbildung. Selbst wenn sie sich nicht unter Kontrolle hatte, fiel es ihr zumindest leichter als mir, das zu überspielen.
Ach Shit. Jetzt kam ich gar nicht mehr klar.
Sie schüttelte leicht den Kopf, und bemerkte, dass das angebracht war. Ja, durchaus. War dennoch gut. „Nein, ist schon okay.“ Warte, was? War es das? Eigentlich nicht wirklich, aber ich wollte auch nicht, dass sie sich Sorgen machte, dass ich dachte, dass sie mich angegraben hätte oder so. Was ich eigentlich schon dachte. Aber immerhin unterstellte ich ihr nicht, dass sie das um ihrer Note willen tat. Musste sie auch gar nicht. War ja unbenotet, das Seminar. Gott, das war nicht der Punkt!
Ich blinzelte, als sie davon sprach, ihrem Retter zu danken, schmunzelnd und entspannt. Immerhin wirkte sie nicht verstört, nicht, als wüsste sie, dass ich sie gerade fast aufgefressen hätte. Das war gut. Denke ich. Sie zwinkerte. „Davon gibt es aber nur einen.“ Ohne darüber nachzudenken, lachte ich auf. „Wenigstens gab's überhaupt einen.“ Ich hob eine Schulter, grinsend, und hob dann die Augenbrauen, als Sutton mir einen Zettel mir ein paar dahingekritzelten Zahlen reichte. Ihre Nummer? Ich brauchte tatsächlich ihren Nachsatz, um zu verstehen, was sie eigentlich wollte – immerhin hatte ich eigentlich ihre Mailadresse der Uni, ich hätte ihr darüber einfach geschrieben, brachte mich diese Information nur in die Bredouille. Ich versuchte, das möglichst zu ignorieren. „In Ordnung. Ich melde mich, wenn ich Zeit hatte, in ein paar Bücher zu schauen.“, sagte ich gerade, als ein paar Studenten für den nächsten Kurs eintraten und uns stirnrunzelnd ansahen, weshalb ich mich in Bewegung setzte, um den Raum zu verlassen. War vielleicht auch besser so. Ich hatte noch eine Heidenarbeit zu tun, und musste dringend mal meinen Kopf dazu bringen, dass er aufhörte, Blödsinn zu produzieren. Wir traten aus der Tür, und ich sah die Rothaarige an. „Sonst noch was, was dir auf dem Herzen liegt?“, schmunzelte ich und schob die Handflächen in die Hosentasche.



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Katashyna Offline

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13.07.2016 20:51
#24 RE: ~NewYork~ Zitat · antworten

» oυтғιт: «


» jυɴιorѕ woнɴυɴɢ: «







Ein erleichtertes Lächeln stahl sich auf meine Lippen, als auch sie mich umarmte und fest an sich drückte. Nach all den Jahren hatten wir beide uns verändert und doch ist sie immer noch das überdrehte und aufgeweckte Mädchen, mit dem ich damals Tag für Tag gespielt habe. Mir ihr gemeinsam habe ich mich vor meinen Eltern versteckt und nun ist sie wieder hier…bei mir. Auch wenn sie gut 20 cm kleiner ist und ein wirkliches Knochengestell, konnte ich in dem Moment auch nicht mehr anders, als sie fester zu drücken und mich quasi an sie zu schmiegen. Sofort schoss mir ein lieblicher Kokosduft in die Nase. Es war ihr Haar, das danach roch…wie damals auch. Ich verlor mich in dem Duft ihrer Haare und dachte an die schönen Zeiten zurück, die jetzt nicht mehr nur vage Erinnerungen waren. Sie sind wieder real geworden, in dem Moment als dieses Mädchen mit den zerfledderten Klamotten als „Uhrenkind“ bezeichnete. – Ich hoffe nur, dass sie solche Bemerkungen zukünftig unterlassen wird, da es doch sehr eigenartig klang.
Während wir nun eng umschlungen mitten auf dem Gehweg standen, an dem zum Glück nicht allzu viele Passanten vorbei kamen, fing sie doch tatsächlich an zu weinen. Eigentlich hatte ich es für einen Scherz von ihr gehalten und wusste nicht ob ich mich in diesem Moment unwohl fühlen sollte, oder ob ich gerührt war. Wahrscheinlich war es eine Mischung aus beidem. Unwohl, weil ich es noch nie ertragen hatte sie weinen zu sehen. Gerührt, weil ich niemals erwartet hätte sie je wieder zu sehen und so eine Reaktion hätte ich schon gar nicht erwartet. Auch wenn Dee schon immer einen Hand zu extremen Emotionen gehabt hat. Als sie auch noch erwähnte, dass ich sie nun nie wieder los werden würde, wäre es auch beinahe um mich geschehen und ich hätte um ein Haar auch noch lost geheult, doch schaffte ich es noch mich irgendwie zusammen zu reißen. »Ich hoffe doch das war ein Versprechen.«, gab ich heiser von mir, immer noch von der Situation überwältigt.
Sanft strich ich ihr über den Kopf und lächelte von Freude überströmt in mich hinein. Eigentlich wollte ich sie nicht loslassen – nie wieder. Doch wir standen wahrscheinlich schon eine Ewigkeit hier, ohne es wirklich gemerkt zu haben und schließlich lösten wir unsere Umarmung. Da Dees „MakeUp“ vorher schon etwas … verschmiert gewesen war, merkte man fast nicht mehr, dass sie geweint hatte und jetzt angestrengt versuchte sich wieder zu beruhigen, während ich sie nur weiterhin verlegen anlächeln konnte. Im nächsten Moment fischte sie eine Serviette aus ihrem Dekolleté und mir stockte kurz der Atem als ich bemerkte, dass ich [natürlich vollkommen unabsichtlich xD] quasi auf ihre Brust gestarrt hatte und danach hastig meinen Blick von ihr abwand. Hoffentlich hatte sie das nicht bemerkt und hoffentlich wurde ich gerade nicht rot wegen dieses Fauxpas.
Doch noch bevor ich irgendwas anderes machen oder sagen konnte, fing sie an mich mit Fragen zu Löchern, als wäre sie ein Maschinengewehr. Studium, Wohnung, New York, Sport? So viele Fragen und ich wusste nicht worauf ich zuerst antworten sollte, weshalb ich in dem Moment nicht mehr, als ein überfordertes »Äääähm…« heraus brachte. Verlegen kratzte ich mich am Hinterkopf. Dabei hatte ich auch so viele Fragen an sie. Was ist passiert nachdem sie damals weg gegangen ist? Wieso bin ich ihr in den letzten 2 Jahren noch nie über den Weg gelaufen? Was hat sie in all den Jahren so erlebt? Wieso hat sie mich erst jetzt gefunden?
Doch das konnte ich sie jetzt nicht alles fragen. Vor allem nicht, nachdem ich ihr noch keine einzige ihrer Fragen beantwortet habe. Sowieso galt ich nicht wirklich als eine sehr gesprächsfreudige Person, weshalb ich gerade gar nicht wusste, was ich sagen sollte. »Ganz ruhig, Dee. Du überforderst mich. Und da du mich von meinem Tee weg gezerrt hast, müssen wir wohl oder übel wo anders einen trinken, damit ich dir in Ruhe all deine Fragen beantworten kann und du mir meine ebenso.«, forderte ich schließlich und nahm sie einfach an der Hand. Was anderes hatte sie schließlich vorher mit mir auch nicht gemacht. »Keine Widerworte.«
Wir gingen nur ein paar Schritte, bevor uns ein Taxi entgegen kam – typisch mein Taxi-Glück, wie froh ich nicht über diese Gabe war – welches ich sofort aufhielt und der Dame an meiner Hand selbstverständlich die Tür öffnete und sie zuerst einsteigen ließ. Als wir dann beide in dem Taxi saßen, gab ich dem Fahrer die Adresse und drehte mich danach wieder zu meiner Freundin aus der Kindheit um. »Dann fangen wir mal gleich mit meiner Wohnung an. Upper West Side. Da fahren wir jetzt hin. Du kannst dein Verhör fortführen, sobald ich meinen Tee habe.«
Während der Fahrt versuchte ich sie davon abzuhalten mir weitere Fragen zu stellen, doch sie wollte (oder konnte) wohl nicht wirklich locker lassen und quasselte einfach weiter. Nur gut, dass wir nicht lange unterwegs waren und ich, nachdem ich den Taxifahrer bezahlt hatte, ihr meine Wohnung zeigen konnte.

Neyl Offline

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14.07.2016 00:06
#25 RE: ~NewYork~ Zitat · antworten







Mein Plan schien überraschender Weise sogar aufzugehen. Zumindest verpuffte diese Anspannung zwischen uns. Meinerseits oberflächlich, aber immerhin. Doch spätestens nach dieser Aktion, konnte ich mir kaum noch vormachen, dass mein Gegenüber nicht doch zumindest einen klitzekleinen Verdacht hegte, was zurzeit in mir vorging. Vermutlich hatte der Dozent mehr Durchblick, als ich...
Auf seine Worte, dass er sich melden würde, nickte ich nur und war denkbar froh, als einige Studenten den Raum betraten. Lässig, als hätten wir uns gerade nur über das Wetter unterhalten, gingen wir nebeneinander zur Tür hinaus. Doch statt uns zu verabschiedeten, richtete er eine Frage an mich, die mich ein wenig aus dem Konzept brachte. ( Dieses tolle Konzept, aus dem ich gerade regelmäßig ausbreche *hust*) "Nein, alles bestens.", lächelte ich und betrachtete ihn halb fragend. Doch eine weitere Konversation würde ich heute nicht mehr verstehen, weshalb ich noch etwas breiter lächelte, ehe ich mich von ihm verabschiedete. "Dann bis nächste Woche.", sagte ich, wandte mich rasch um und entfernte mich zügig. Hoffentlich wurde das nicht zur Gewohnheit...

Heißer Kaffee am Morgen, besser konnte ein Tag kaum starten. Einige Tage waren vergangen, in denen ich Aedan nicht begegnet war und allmählich fand ich mich mit dem Gedanken ab, dass ich vermutlich nur überarbeitet gewesen war und deshalb so seltsam auf ihn reagiert hatte. Das er sich immer noch in meine Gedanken schlich, schob ich auf die Tatsache zurück, dass mir das alles wirklich peinlich war. Es war erst Freitag, der Tag der offenen Tür und da ich nicht mit Aedans Anwesenheit rechnete, war ich mir weiterer Aadan-freier-Tage sicher. Bis dahin hätte ich die ganze Geschichte vermutlich schon vergessen. Voll Vorfreude, machte ich mich auf den Weg zur Uni, wo schon alles in vollem Gang war. Letzte Vorbereitungen, bevor die Gäste eintreffen würden. Eltern von jetzigen und zukünftigen Studenten, etwaige zukünftige Studenten, Presseleute, Vorstandsmitglieder,...die Schule würde aus allen Nähten platzen. Es dauerte nicht lange, bis ich auf ein paar meiner Freunde traf und zusammen mit ihnen begann, die Stühle vor der Freiluftbühne aufzustellen. Zum Glück war das Wetter auf unserer Seite. Keine Wolke war am Himmel zu sehen und so sollte es bitte auch bleiben. Ich band mir gerade meine Haare zu einem Zopf, als mir jemand von hinten die Hände auf die Augen legte. Mein Herz stockte kurz, doch dann erkannte ich, wer sich an mich herangeschlichen hatte. "Robbie!", rief ich erfreut aus, drehte mich um und fiel meinem Freund um den Hals. "Was machst du hier?", fragte ich verwirrt, während er übers ganze Gesicht strahlte. "Ich hab mir einen Tag frei genommen.", erwiderte er unbekümmert, ehe er sich zu mir herunterbeugte und küsste. Seltsamerweise verpasste diese Berührung meiner Freude einen kleinen Dämpfer, doch ich lächelte schnell darüber hinweg. Ging das schon wieder los? "Hey Robbie! Schön dich zu sehen.", rief Kim, eine meiner Freundinnen und er ging zu ihr und den Anderen herüber, um sie ebenfalls zu begrüßen. Nachdenklich verweilte ich kurz an Ort und Stelle, sah abwesend in die Ferne und fragte mich, warum ich mich so seltsam fühlte. Seltsamer, als sonst. Wieder huschte mir das Gesicht unseres attraktiven Gurus in den Kopf und ich schüttelte verbittert den Kopf. Nein! Ich würde keinen Gedanken mehr an etwas verschwenden, dass ohnehin nur Hirngespinste waren. "Hey Sutton!", riss mich Kims Stimme zurück ins hier und jetzt. Albern drehte ich mich zu ihnen um und machte mich auf den Weg zu ihnen. Doch lange hatten wir nicht Zeit herum zu blödeln, immerhin wartete noch eine ganze Menge Arbeit auf uns. "Soll ich uns einen Kaffee besorgen?", fragte Robbie, während er sein Handy nach dem nächsten Starbucks durchkämmte. Zwar bot die Schule Kaffee an mehreren Ständen an, jedoch war Robbie recht wählerisch, weshalb ich nickte, ohne ihn darauf hinzuweisen. Er lächelte, drückte mir einen weiteren Kuss auf und verließ das Gelände dann vorläufig. Mein Lächeln erstarb, als er um die Ecke bog und außer Sichtweite geriet. Ich wartete schon so lange auf den Moment, an dem es endlich klick bei mir machen würde. Und gerade jetzt wäre dieser Moment zwingend notwendig gewesen.


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JaneDoe Offline

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14.07.2016 01:08
#26 RE: ~NewYork~ Zitat · antworten



Es tat so unheimlich gut, umarmt zu werden. Ich konnte mich nicht wirklich daran erinnern, wann mich das letzte Mal jemand so innig gedrückt hatte wie Kit. Seit David weg war, mein großer Bruder, der sich scheinbar einen Scheißdreck um mich kümmerte, waren die einzigen, die ihre Arme um mich geschlungen hatten, diejenigen, die an meinen Arsch wollten. Kein Wunder, dass ich losheulte.
Kit war schon immer größer als ich gewesen, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, ich war geschrumpft. (Okay, wahrscheinlich war er noch mal gewachsen, aber trotzdem…) Außerdem war er der einzige Mensch der Welt, der freiwillig aus einer meiner Drohungen ein Versprechen basteln wollte. Das brachte mich mitten im Weinen zum Lachen – verwirrendes Gefühl. Mal ganz zu schweigen von seiner heiseren Stimme, die erstaunlich danach klang, dass er Probleme mit seiner Beherrschung hatte. In welche Richtung allerdings war mir unklar, denn eigentlich gehörte er zu der unnormalen Sorte Mensch, die sich absolut immer unter Kontrolle hatten. „Du Brite.“, sagte ich, um ihn ein bisschen zu necken, bevor ich noch einmal losschluchzte. „Natürlich ist es das!“
Nur widerwillig löste ich mich von meinem Kindheitsfreund, irgendwie hatte ich das Gefühl, wenn ich ihn losließ, könnte er wieder weg sein, einfach so, als hätte ich ihn mir eingebildet. Eine Fata Morgana, ein sehr lebhafter Traum, oder irgendsowas in der Art. Ich brauchte zwar einen Moment, mich zu sammeln, aber mich zu richten ging fix – gab ja auch nicht viel zu tun, mein Make-Up war sowieso im Eimer. Und- ich verzog den Mund. „Nur am Rande, du hast angefangen. Mecker jetzt nicht wegen des Pullis.“, schniefte ich amüsiert, und irgendwie war das gleichzeitig ein Lachen und ein Schluchzen – während ich wieder am weichen Stoff zupfte, dort, wo sich eine dunkelgraue Schliere befand. Ups. Wahrscheinlich war es besser so, dass ich nicht mitbekommen hatte, dass Kit mir, wenn auch aus Versehen, auf mein Brustbein gestarrt hatte (war ja nur Haut und Knochen, viel Brust gab's da nicht zu sehen… und meine Rippenkorb war jetzt nicht sonderlich anziehend) – denn ich hätte ihn damit wahrscheinlich bis nächstes Jahr noch aufgezogen.
Was mich allerdings stark überraschte, war sein langgezogenes „Ähhm“ und die darauffolgende Anweisung (die er sogar mit „Keine Widerworte“ beendete – die wahrscheinlich einzigen Worte vom einzigen Menschen, der die Macht hatte, mich ruhig zu stellen. Ob ihm das bewusst war?), bevor er mich an der Hand zu einem Taxi zog, das einfach vor uns auftauchte wie dahingezaubert. Wow! „Wahnsinn, New York hat dich ja zu einem richtigen Gangster gemacht!“, grinste ich und ließ mir brav die Autotür aufhalten. „Du sagst „Ähm“ und schleppst mich wie nach dem Lehrbuch in deine Wohnung ab. Gratulation!“, grinste ich und lachte. Bevor ich die Adresse hörte, mir die Kinnlade aufklappte und ich Kit anstarrte, als wäre er ein Alien. Upper West Side? Aber klar doch, wo sollte Kit denn sonst wohnen? Kit war stinkreich – immer noch. Es war nicht mal so, dass ich das vergaß. Interessanterweise strömte er aus allen Poren aus, dass er verdammt viel Geld hatte – andererseits war er einer der wenigen Menschen, die man dennoch gut leiden konnte. Er war nicht überheblich, nicht arrogant, halt einfach nur reich. Und auch wenn er gesagt hatte, dass er ganz in Ruhe Tee trinken will, während wir uns gegenseitig ausquetschten, konnte ich meine Klappe nicht halten. Ich sabbelte ein bisschen herum, hier und da, nichts mit Inhalt, ich war einfach nur aufgeregt. Scheiße Mann, ich hatte Kit gefunden! Darüber würde ich übermorgen immer noch lachen müssen!
Ich sah kurz zu ihm herüber – ruhig, wie immer. Sehr kontrolliert. Dass er sich genauso freute, mich wiederzusehen, davon ging ich mal stark aus (okay, ich hoffte es stark), aber wie immer war er dabei viel eloquenter. Dagegen rannte ich wie ein kopfloses Huhn durch die Gegend – was noch schlimmer wurde, als er seine Wohnungstür aufschloss. Den Mund offen stehend, streifte ich meine Stiefel in der Garderobe ab und begann, durch die Räume zu streunen. Edel, Holzfußboden, Türbögen, Echtholz-Einrichtung, Bücher, Unmengen an Büchern, sogar in seinem Schlafzimmer hatte er statt einer Wand hinter dem Kopfende des Bettes nur Bücherregale, und ein eigenes kleines Lesezimmer, und die Küche sah aus wie im Film! Wenn ich noch länger dümmliche, staunende Geräusche von mir gab, verlor ich wahrscheinlich mein Sprachvermögen. Irgendwann flog ich förmlich zurück zu Kit, griff nach seiner Hand und zog ihn in die Küche. „Los, schnell, mach dir Tee, ich will alles wissen!“, grinste ich.



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JaneDoe Offline

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14.07.2016 17:34
#27 RE: ~NewYork~ Zitat · antworten

AEDAN

Eine Weile Ruhe vor meinen hormonellen Verwirrungen, die es hoffentlich waren, tat mir gut. Ich stürzte mich kopfüber in die Arbeit, und bekam erstaunlicherweise so viel geschafft wie wahrscheinlich noch nie in ein paar Tagen. Ich bekam regelrecht Spaß an wissenschaftlichen Texten, und bereits das ist schon eine Merkwürdigkeit an sich. Als würde mir mein Leben sagen wollen, dass wenigstens meine Promotion ganz gut klappen würde, wenn schon der Rest den Bach runterging, bekam ich die angeforderten Bücher ausgeliehen, Fernleihen waren ebenfalls da und Zugänge zu Online-Datenbänken wurden mir bewilligt. Ich konnte mich an Literatur im Moment totschmeißen, und wenn ich nicht gerade beim Boxen oder beim Joggen war, sah man mich praktisch durchgängig mit einem Buch oder einem Stapel Papiere in der Hand. Am Frühstückstisch. In der Uni. In der U-Bahn. Selbst im Caffeine Overdose lag ein Aufsatz in der Ecke, und wenn gerade nichts los war, machte ich auf die Rückseite der Kopien ein paar Notizen.
So in etwa vergrub ich mich in Arbeit, bis ich mich heute morgen allerdings recht früh auf den Weg machen musste, in Jeans und einem grauen Shirt, das schmutzig werden durfte und ohnehin schon ein paar Farbflecken von meinem Umzug vor… anderthalb? Zwei? Wochen trug – denn die Juilliard hatte Tag der offenen Tür, und wer würde sich denn nicht besser zum Kisten schleppen als der dumme, sowieso nicht bezahlte Doktorand der NYU? Richtig, niemand. Dementsprechend ging es auch recht früh los . Zuerst mussten alle Kartons mit Flyern aus den Büros geholt haben, Tische, Stühle, für die Fressstände Einkaufskörbe, und dementsprechend war ich schon komplett am Ende, als das Fest dann überhaupt losging.
Immerhin war es gut besucht – die Juilliard war renommiert, und ein „Star“ zu werden, war ja so ein Klein-Mädchen-Traum, das wollten alle werden. Die meisten realisierten nicht, dass es außerordentliches Talent brauchte, um nach einem Abschluss dann auch Aufträge oder Rollen zu kriegen, die nicht daraus bestanden, in dem Intro von CSI zu sterben.
Ich schleppte gerade einen ganzen Stapel Stühle zur Freiluftbühne, als ich eine bekannte Gestalt sah. Sie war recht hochgewachsen für eine Frau, trug ein Kostüm, dazu schwarze, elegante Pumps. Die Haare zu einem eleganten Uptown-Girl-Dutt gedreht und dezentes, aber makelloses Make-Up aufgelegt, sah sie aus wie eine aufstrebende Anwältin oder Managerin – dabei war sie lediglich Studentin. Ich grinste. „Kay!“ Sie schmunzelte und nahm die Sonnenbrille ab, damit sie mich von oben bis unten mustern konnte. „Ich umarme dich jetzt nicht. Du schwitzt.“ Mit spitzen Fingern deutete sie auf das mittlerweile klitschnasse Shirt und gab mir stattdessen einen Kuss auf die Wange, und ich schnaubte amüsiert. „Ist mir egal.“ Ich zog sie in meine Arme, und sie quiekte kurz auf, bevor sie ebenfalls grinste. „Hoffentlich hast du was zum Wechseln mit.“ Ich nickte. „Lohnt sich aber nicht, ich bin hier nur der Packesel.“ Kay sah sich kurz um, und setzte sich dann auf einen herumstehenden Stuhl, ungeachtet der Tatsache, dass sie damit vollkommen im Weg saß. „Okay. Mom vermisst dich. Du warst lange nicht mehr da. Sie lässt fragen, wie es dir geht.“ Ich runzelte mit der Stirn. „Das kann sie mich selbst fragen.“ Kay verdrehte die Augen. „Dazu müsste sie deine neue Festnetznummer haben. Du bist umgezogen, erinnerst du dich?“ Ich hob beide Brauen. Sensibel wie ein Elefant im Porzellanladen. „Ja, sehr lebhaft, danke.“ Sie seufzte. „Tut mir Leid. Du vergräbst dich in deiner Arbeit. Ruf' sie mal an, gib deine neue Nummer durch, und versichere ihr, dass man dich nicht demnächst von der nächstbesten Brücke baumeln sieht, nur wegen so einer kleinen Hure.“ Mir klappte die Kinnlade auf. „Kay!“ „Ist doch so!“, verteidigte sie ihre Wortwahl. „Ich bin ja recht skrupellos, aber drei Monate? Sie kann froh sein, dass sie mir seit eurer Trennung nicht noch mal über den Weg gelaufen ist.“ Ich seufzte. „Kayla Rhianne Costello – ich bin dein älterer Bruder, ich kann sowas wunderbar allein regeln.“ Sie stand wieder auf, beugte sich zu mir – trotz der Tatsache, dass sie kleiner war als ich, und piekste mir mit dem Finger in die Brust. „Aedan Niall Costello – du bist ein weichgespülter Softie. Das gemeinste, was du ihr wahrscheinlich gesagt hast, war: Vielleicht hätte ich wissen müssen, dass ich dir irgendwann nicht mehr reiche. Du warst schon immer sehr kurzweilig.“ Dabei ahmte sie meinen Tonfall und Gestik nach, und ich öffnete den Mund – schloss ihn aber wieder, ohne etwas zu sagen. Nagel auf den Kopf getroffen. Wörtlich.
Ein Rotschimmer veranlasste mich dazu, über Kays Schulter zu gucken – und scheinbar war mein Gesicht ein offenes Buch für Kay, denn sie zückte prompt ihr Puderdöschen und blickte mithilfe des Spiegels über ihre Schulter. Ein oft geübtes Manöver – jemand wie Kayla verrenkte sich ganz sicher nicht den Kopf, um viel zu deutlich jemanden anzugaffen. Ich jedenfalls fand das viel zu affektiert, aber okay, im Moment passte mir das ganz gut. Wenn möglich sollte Sutton nicht merken, dass sie angestarrt wurde. Es reichte, wenn ich das tat. „Die ist ja süß.“, sagte sie lediglich, „Und so anders als Em. Gefällt mir.“ Ich runzelte die Stirn und sah auf sie herab. „Das ist meine Studentin.“, wiederholte ich einen der meistgedachtesten Sätze der letzte Woche laut. Kay wedelte mit der Hand. „Und wie du siehst, hat sie einen Freund.“ Der sie gerade überschwänglich begrüßte und sie küsste und heiti-teiti und Friede, Freude, Eierkuchen. Und ja, ich gab es zu, das gefiel mir nicht. Ich war noch nicht eifersüchtig, aber immerhin breitete sich schon ein missmutiges Gefühl in mir aus. Kay sah mich mit einer erhobenen Braue an, die so perfekt gezupft war, dass sie umso höhnischer aussah. Aus einer sicheren Quelle wusste ich allerdings, dass sie das beim Türken um die Ecke machen ließ, niemand bekam so etwas bei sich selbst mit einer Pinzette hin. Hatte sie mir stockbesoffen erzählt, als ich sie abgeholt hatte und danach einen Heulkrampf über ihre Augenbrauen über mich ergehen lassen durfte. Es war wunderschön, ein großer Bruder zu sein. Meistens jedenfalls. Manchmal auch nicht so. Beispielsweise ließ ihr Blick gerade vermuten, dass sie jeden einzelnen Gedanken, der mir bezüglich Sutton je durch den Kopf gegangen war, kannte. „Halt die Klappe, Kay.“, warnte ich, doch mit einem Klackern klappte sie melodramatisch die Puderdose zu. „Entweder du holst sie dir, oder aber du suchst dir jemand anderen. Du bist ein wandelndes Pheromonfurzkissen.“, sagte sie eindringlich, und ich runzelte die Stirn. „Hä?“
Wieder ein Seufzen. „Mann, streng dein Hirn an. Dir steht SEX auf der Stirn.“ Ich räusperte mich, bevor ich mir verlegen an der Nase kratzte und merkte, dass mir das Blut in die Wangen stieg. „Halt die Klappe. Du bist meine kleine Schwester, sowas bespreche ich ganz sicher nicht mit dir!“ Sie lachte auf. „Wenn du meinst.“



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JaneDoe Offline

Dicke, untervögelte Teilzeit-Brockhaus-Chiller-Robbe


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14.07.2016 23:05
#28 RE: ~NewYork~ Zitat · antworten

Here you go, Dees Familiengeschichte.
Ihr wisst schon. Melodramatik und so. :D :D

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F A M I L I E
[b]Andrea Smithback, ehem. Rogers, geb. Parker[/b]
[i]Mom, what the fuck...[/i]
Von Dees Seite aus herrscht kein Wunsch nach Kontakt. Andrea versucht des öfteren, sie zu erreichen – ohne Erfolg.
 
[b]Jonathan Rogers[/b] | The first asshole (und Erzeuger)
[i]Als er sich dir mit „Jon, ohne H“ vorstellte, warst du doch wegen so einer beschissenen Kleinigkeit schon total aus dem Häuschen. „Er hatte Ecken und Kanten, kein 08/15-Mann“ - Fick dich, Mom. Ein eitles Schwein, mehr war das doch nicht. Und dann hast du dich, wahrscheinlich noch „aus Versehen“, schwängern lassen, und [u]HUPS[/u], musstet ihr heiraten. Reicht ja nicht, dass du eins bekommen hast, nein, fünf Jahre später schießt du noch ein zweites hinterher. Bravo. Dreizehn verdammte Jahre habe ich mir eure Scheiße gegeben, eure verdammte Achterbahnfahrt, den Wechsel zwischen „Ich bin so froh, dass ich dich habe, ich liebe dich unendlich“ und „ich hasse dich, ich wünschte, wir hätten uns nie kennengelernt“! Und als reicht das nicht, morgens als erstes abchecken zu müssen, ob ihr euch gerade hasst oder liebt, bevor man am Frühstückstisch was sagt, muss ich ertragen, wie er uns ständig betrügt? Hast du das nicht gerafft? Ich hoffe für dich, dass du es einfach ignoriert hast, denn wen du [u]so[/u] gutgläubig warst, muss ich dich leider erschießen. Und nach dreizehn Jahren und einer zweistelligen Anzahl von Affären seitens „Jon ohne H“ ist es ja wohl klar, dass der Scheidungskrieg schmutzig würde. Das war jedem klar, außer dir, Mom. Jedem.[/i]
 
[b]Harold Smithback[/b] | The second asshole
[i]Und kaum kommt ein Typ, der dir verspricht, alles das zu sein, was Jon Rogers nicht war, fällst du head over heels und bist wieder verheiratet. Oh, ein kultivierter Ami, wie toll! Siehst du, wie ich platze vor Freude? Uns ging es [u]gut[/u] auf der Insel. Uns ging es da prächtig, und dann kommt Harold, und das erste, was dir einfällt ist: „Lass doch mal nach Amerika gehen?“
Und sich dann wundern, dass ich sauer bin, wenn wir in einer viel zu kleinen Wohnung vergammeln, und dass Harold eigentlich genau so ein Spinner ist wie Jon.
Und nun? Viel Glück mit dem zweiten Scheidungskrieg, kaum, dass du aus dem ersten raus bist.[/i]
 
[b]David Smithback[/b] | Der 5 Jahre ältere Bruder
[i]Wo bist du? Wieso meldest du dich nicht mehr? Hab' ich was falsch gemacht?[/i]
David hat sich schon immer gern in seinen Büchern vergraben, was sich in New York verstärkte. Direkt nach seinem Abschluss fand er einen Job als Fußsoldat eines mittelmäßig wichtigen Diplomaten, und ist seitdem ist er viel unterwegs. Der Kontakt ist seither ständig weniger geworden und seit ein paar Monaten gänzlich abgerissen.
 
 



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Neyl Offline

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14.07.2016 23:36
#29 RE: ~NewYork~ Zitat · antworten







Zum Glück war Aedan nicht hier, sonst wäre mein Gefühlschaos völlig durcheinander geraten. Ich konnte aber auch nicht wirklich aufhören immer wieder an ihn zu denken. Das wurde langsam ganz schön lästig...
Eine Sache, die sich vermutlich von selbst in einigen weiteren Tagen legen würde. Ich drehte mich also um, mit der Absicht zu den Anderen zurückzukehren, als ich mitten in der Bewegung stoppte. Aedan! Ich hatte nicht damit gerechnet ihn hier zu sehen (Gut, vielleicht hatte ich es in Erwägung gezogen, doch schnell an etwas anderes gedacht, um die Hoffnung darauf nicht wahrnehmen zu müssen), weshalb sein Anblick mich überrumpelte. Und das war noch nicht alles. Er war in Begleitung und dieser Anblick verpasste mir einen Stich in der Magengegend. Hektisch wandte ich mich ab und ging leicht verdattert zu den Anderen zurück, die sich kichernd unterhielten. "Na, schon Aedans neue Flamme gesehen?", fragte Kim mich neckisch, während ich mich gerade einfach nur in Luft auflösen wollte. "Ist das nicht seine Verlobte?", mutmaßte ein blondes Mädchen, das ich nur flüchtig kannte. Mandy, oder so. Vielleicht auch Marie. So unauffällig wie möglich, warf ich einen Blick auf die Beiden, was ich augenblicklich bereute. Wer auch immer das war, sie hatte Klasse. Das musste ich neidlos anerkennen. "Du meinst also, dass sie wieder zusammen sind?", hörte ich Josephines misstrauische Stimme erklingen. Schnell wandte ich mich ab, damit sie mich nicht beim Starren erwischten. "Wir sollten weitermachen.", sagte ich knapp, griff mir den nächstbesten Stuhl und platzierte ihn an der richtigen Stelle. Während ich diese Arbeit fortführte, versuchte ich das dumpfe Gefühl in mir loszuwerden. Warum hatte mich dieser Anblick so gestört? Das war doch lächerlich...Es war einfach zum Haare raufen. Etwas überschwänglich stellte (rammte) ich den letzten Stuhl auf den Rasen. "Mist!", entfuhr es mir, als ich mich dabei versehentlich am Finger verletzte. Natürlich, das konnte auch nur wieder mir passieren. Fluchend ging ich an den Stuhlreihen vorbei und kramte dabei ein Taschentuch aus meiner Tasche, welches ich um den blutenden Finger wickelte. Es war kein großer Schnitt, pochte aber unangenehm und verbesserte meine Laune nicht gerade. Gerade, als ich dachte es könnte nicht noch schlimmer kommen, hob ich den Kopf und bekam gerade noch mit, wie Robbie -die Schachtel mit den Kaffees in der einen Hand, das Handy in der anderen- nicht auf seinen Weg achtete und geradewegs in eine Frau rein lief. In Aedans...was auch immer! In diesem Moment betete ich zu Gott, er möge die Erde unter mir spalten und mich in ein tiefes Loch fallen lassen. Unentschlossen lief ich zu ihnen herüber und sah bestürzt auf den riesigen Kaffeefleck, der sich über das Kostüm der...was auch immer...erstreckte. "Was machst du denn da? Das ist doch normalerweise mein Part.", plapperte ich, noch immer etwas überfordert mit der Situation. Robbie sah etwas zerknirscht drein, ehe er sich bei der...was auch immer... entschuldigte. Auch er hatte eine Ladung bei dem Zusammenprall abbekommen und während ich noch immer daneben stand und mich fragte, was ich in meinem früheren Leben angestellt haben musste, damit ich so etwas verdient hatte, machten sich die zwei auf den Weg zu den Toiletten um das gröbste Übel zu beseitigen. Etwas verdutzt stellte ich fest, dass Aedan -den ich bis dato vollkommen ignoriert hatte- und ich nun alleine waren. "Tut mir wirklich Leid.", sagte ich, obwohl ich ihm natürlich nicht erzählte, dass ich mein Karma für diesen Unfall verantwortlich machte. Zum ersten Mal an diesem Tag blickte ich in Aedans Augen und...lächelte augenblicklich. Ein Reflex, den ich nicht steuern konnte. An sich nichts Verwerfliches, wenn ich nicht auch noch in diesen Augen versinken würde...

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JaneDoe Offline

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15.07.2016 00:56
#30 RE: ~NewYork~ Zitat · antworten


Falls du eine Inspiration brauchst....
...hier findeste welche
;)


Das Problem war, dass Kay Recht hatte. Ich vergrub mich meistens, wenn ich irgendein Problem hatte, und das hatte mit der Trennung von Em angefangen, und hatte sich seit… seit was eigentlich?… seit dem Traum verschlimmert. Wenn man arbeitete, hatte man eben keine Zeit nachzudenken, und in der Zwischenzeit konnte sich ganz entspannt verziehen, was auch immer sich da gerade ausbreitete.
Schlimm genug, dass meine kleine Schwester mich mehr oder minder durchschaut hatte, und dazu keine Minute gebraucht hatte. Natürlich, sie kannte mich seit sie am Leben war, aber das ließ mich skeptisch werden, ob ich nicht vielleicht doch ein bisschen offensichtlicher war, als ich dachte. Was problematisch wäre – noch offensichtlicher?
Ich für meinen Teil hatte natürlich gewusst, dass Sutton hier war, sie wäre schön blöd, sich hier nicht zu engagieren, bei dem Publikum, das hier heute auflaufen könnte. Ich war also nicht wirklich überrascht, sie hinter Kay zu entdecken, es war eher…
Okay, Aedan, fang jetzt bloß nicht an mit 26 dich selbst verscheißern zu wollen.
Die Beine. Musste sie wirklich ein Röckchen tragen? Das war in, so kleidete man sich heute, aber ausgerechnet diese Beine? Gott im Himmel! Heidewitzka!
Moment, worum ging's?
Stimmt, Kay machte einen auf oberschlau. Ich war nichts anderes gewöhnt. Damit hatte ich gerechnet. Womit ich allerdings nicht rechnete war Suttons Freund, der plötzlich an mir vorbei und direkt in Kay hinein lief. Die schnaubte sehr frustriert und kniff die Lippen zusammen, während sich Suttons Freund hastig entschuldigte, und ich nur amüsiert dreinblickte. „Ich befürchte, ich muss mich mal frisch machen gehen.“, murrte Kay – nicht wirklich sauer, aber eben auch nicht sonderlich begeistert. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie Sutton sich uns näherte – und stierte mit Absicht meine Schwester an, die ihr Notfall-Kit aus ihrer Tasche wühlte, die Tasche selbst vor meinen Füßen abstellte und ging, direkt als das Objekt meiner Begierde, man konnte sie schon so betiteln, ihren Freund rügte, sie sei für den Teil des Programms verantwortlich, nicht er. Oh.
Das war also normalerweise derjenige, der sie vor ihren Unglückssituationen bewahrte. Er war ihr Retter. Ahem. Ja. Okay. Damit komme ich klar. Denke ich.
Was war?
Ich blinzelte, als sie sich bei mir entschuldigte, und stellte fest, dass ich sie angesehen hatte. Sie lächelte, und ich grinste breit. „Oh, keine Angst, Kay nimmt ihm das ganz sicher nicht übel. Sie macht zwar einen auf harte Braut, aber eigentlich ist sie 'n Softie wie ich.“ Ich zuckte mit den Achseln. „Ist das Costello-Blut. Sehr dominante Gene.“ Immer noch zuckten meine Mundwinkel. Mir fiel eine feine Narbe an ihrem Kinn auf, die ich bisher noch nicht gesehen hatte, und wunderte mich, was sie da wohl gemacht hatte… sie war so verblasst, sah nach entweder lange her oder sehr dünner Gegenstand aus, ein Blatt Papier oder so – aber ich würde einen Teufel tun und sie fragen.
Genau wie der Ursprung ihrer Haarfarbe.
Als mein Blick hinab auf ihre Beine rutschte – ich sollte heute Nacht dringend kalt duschen, bevor ich schlafen ging – fiel mir auf, dass sie am Finger blutete. „Du saust dich ein.“, stellte ich fest und nahm ihre Hand, sah mir ihren Ringfinger genauer an. „Was hast du damit angestellt? Der ist aufgerissen.“, murmelte ich und ließ sie kurz los, um ein bisschen in der Tasche meiner Schwester zu wühlen. Ich kannte Kay mittlerweile, diese Frau war auf alle Eventualitäten vorbereitet. Pflaster und Desinfektionstüchlein gehörten zur Standard-Ausrüstung. Ich zupfte eines der Tücher aus der Verpackung und griff wieder nach ihre Hand, wischte ihr das Blut von der Hand – nicht viel, aber das was da war, war ziemlich verschmiert – und klebte dann ein Pflaster darüber. „Scheinbar bist du wirklich diejenige, die für das Chaos im Programm zuständig ist, hm?“, fragte ich sie schmunzelnd, bevor ich ihre Hand losließ (loslassen musste wohl eher, was erklärte, wieso ich das langsamer tat, als ich es tun sollte).



What screws us up most in life is this picture in our head of how it's supposed to be.

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